Dienstag, 9. Dezember 2014
71
Der Schnee ist erneut gefallen, und liegen geblieben.
Ich habe mich gefreut wie ein kleines Kind.
Die schönen Schneeflocken wie sie so schwerelos scheinend vom Himmel fallen.
Wie kleine, süße, vergängliche Engelchen.
Jedes Jahr zaubern sie uns ein Lächeln aufs Gesicht.
Und nachher wünschen wir uns den Schnee nur weg.
Ich habe sofort das Fester geöffnet und nach draußen geschnuppert.
Nach draußen zu gehen schien mir nicht in den Sinn gekommen zu sein.
Warum weiß ich auch nicht. Morgen früh werde ich ja noch genug
von ihm haben wenn ich wahrscheinlich wieder verspätet zur Bushaltestelle laufe.
Der Geruch und die Kälte haben mich sofort wieder an alte Zeiten erinnert.
Als die Welt noch kunterbunt, die Menschen freundlich und alles rosig war.
Es war so lustig.. aber ich möchte trotzdem nicht mehr dorthin zurück.
Was nicht sein soll, soll wohl nicht sein.



70
Draußen ist es kalt, die Bäume scheinen im Mondlicht viel
größer und bedrohlicher, ihre Blätter haben sie verloren.
Irgendwie sind sie nackt, der Kälte ausgesetzt, man möchte sie einpacken.
Ich laufe durch den Dreck und höre meine eigenen Schritte auf dem nassen Untergrund.
Außerdem höre ich da noch andere Schritte,.. in der stillen Dunkelheit, die auf einer Seite
so unschuldig und ruhig ist.. aber auf der anderen Seite hat man fast ununterbrochen
das Gefühl sie versteckt etwas in ihrer Stille. Irgendwie gruselig.
Ich beeile mich. Mit schnellen, großen Schritten gehe ich zügig an dem Friedhof vorbei.
Definitiv keiner meiner Lieblingsorte, besonders nicht im Dunkeln, der vordere Teil des Friedhofs
wird von einer einzigen Laterne erleuchtet.
Hier wirkt die Stille noch erdrückender und fast schon laut,
die Luft kommt mir hier immer dünner vor. Ich weiß dass es quatsch ist, aber ich bevorzuge es nicht
Friedhofs Luft zu schnuppern, auch wenn es hier nicht riecht.
Immer noch auf den Beinen bin ich auf dem Weg in einen Teil des Ortes, der mir völlig
unbekannt ist. Eigentlich schon fast lächerlich, wenn man bedenkt dass ich hier schon mein
ganzes Leben lang lebe. Die Häuser kommen mir so unbekannt vor.
Für einen Moment fühle ich mich orientierungslos. Bis ich dann wieder den Gedanken fassen konnte dass ich
mich hier wohl nicht verlaufen werde...
In einigen Häusern brennen die Lichter nur so, in einigen ist gar kein Licht an.
Durch die Erhellung kann man in die Wohnungen schauen.
Eine junge Frau zieht sich gerade um. Vermutlich schlüpft sie in ihren Schlafanzug.
Nächstes mal sollte sie die Rollläden lieber komplett runter machen, statt nur zur Hälfte,
könnte unangenehm werden. Ich gehe zügig weiter, meine Füße schleifen über den Boden.
Auf dem nassen gepflasterten Untergrund. Ich kann mir in diesem Moment gut vorstellen
dass die Kinder hier im Sommer mit Straßenkreide malen. So wie wir früher. Aber schließlich
kann man sich nirgendwo festklammern und hoffen dass es nie vorbei geht, alles ist vergänglich.
Und so laufe ich begleitet von dem gleichmäßigen Geräusch meiner schlürfenden Füße in die Nacht.